„Wo Mann und Frau aufhört, da fängt der Mensch an.“ ugly duckling (Deutsches Theater)

Das Leben ist schon eins der Härtesten. Da kommen wir auf diese Welt, die so viele interessante Dinge für uns bereithält, die wir erfahren, erkunden und ausprobieren können.
Wir wachsen heran und entdecken Vorlieben und Interessen. Wir entwickeln Enthusiasmus und Schaffensdrang. Wir haben Lust, die Welt zu erobern, ob im Kleinen oder im Großen, gemeinsam oder allein.

Alles wäre so angenehm und schön … wenn da nicht das leidige Thema Geschlecht wäre.

Ob wir mit viel oder wenig Selbstvertrauen durch die Welt gehen, ist zur Hälfte genetisch festgelegt, der Rest entsteht durch Prägung und Erfahrungen.
Spätestens wenn wir erwachsen sind, realisieren wir, dass unser Geschlecht Vorteile und Nachteile mit sich bringt. Dass wir verschieden sind, steht außer Frage. Doch je nachdem, wie wir sozialisiert sind, in welchem Umfeld wir uns bewegen und mit welchen Medien wir uns umgeben, haben wir eine unterschiedliche Einstellung zu den geschlechtlichen Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Der „Gesellschaft“ gefällt es natürlich, wenn sich Frauen und Männer bzw. Mädchen und Jungen entsprechend der ihnen zugewiesenen Geschlechterrollen verhalten. Das macht es einfacher und überschaubarer. Wir lieben Regeln und die Trennung nach (biologischem) Geschlecht ist so wunderbar simpel. Das kann jeder verstehen und sich auch daran halten. Aber macht uns diese Trennung glücklich?
Ich habe das Gefühl, je mehr wir die Geschlechter voneinander abgrenzen, desto mehr benachteiligen wir uns gegenseitig. Je mehr wir trennen, desto schwieriger machen wir uns das Leben. Wir beginnen Dinge zu fordern, die uns vielleicht gar nicht liegen. Und die wir gar nicht wollen.
Indem wir den Geschlechtern Attribute zuschreiben, üben wir einen enormen Druck aus. Das klassische Männer- und Frauenbild lässt uns wenig Spielraum, uns frei zu entfalten und alle unsere Seiten offen zu leben.

Das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter ist kein neues, aber auch noch gar nicht so wahnsinnig alt. Momentan befinden wir uns in einer neuen Feminismus-Welle, die besonders auch sehr junge Menschen mitreißt und motiviert, Gleichberechtigung zu fordern und zu leben.
Viele sehen nur eine Moral-Polizei in diesen jungen Leuten, aber jede Veränderung ist am Anfang immer unangenehm und störend. Es braucht eine gewisse Kraft und viel Druck, um gegen Widerstände anzukommen. Da ist es logisch, wenn es zu Aggressionen und Ablehnung kommt. Dennoch passiert dabei etwas ganz Wichtiges: Gleichberechtigung ist in aller Munde und in den Medien als Thema präsent.

Auch mir ist das Thema wichtig. Ich versuche, Gleichberechtigung zu leben – so gut es mir möglich ist.
In meinem Beruf als Theaterpädagogin, die auch viel Regie führt, begleitet mich das Thema tagtäglich – bei der Stückauswahl, bei der Rollenverteilung, bei der Inszenierung. Denn immer wieder ist es notwendig, gängige Geschlechterrollen zu erkennen, zu hinterfragen und jedes Mal neu zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, sie in dem konkreten Fall zu bedienen oder nicht.
Ich ermuntere meine Gruppen, auch außerhalb der Klischees zu denken und Rollen mit anderen Geschlechtern zu besetzen als vorgegeben.
In meiner eigenen Regie-Arbeit und in meinem Solo-Theater macht es mir Freude, die Geschlechter komplett zu mischen oder auch mal gar nicht wirklich zu definieren, denn Menschen sind immer Menschen – mit den gleichen Emotionen und Verhaltensweisen. Vielleicht ist den Zuschauenden das Geschlecht irgendwann ganz egal …

“Liebe ist auch immer eine Entscheidung.” Anonym

Wir alle wollen geliebt werden. Wir wollen Nähe und Zuneigung, wir brauchen sie sogar zum Überleben. Aber damit wir geliebt werden, müssen wir auch selbst lieben.
Und diese Liebe passiert nicht einfach so aus dem Nichts, sie fliegt uns nicht zu wie eine Schwärmerei oder Verliebtsein. Sie wächst und sie ist eine Entscheidung. Liebe bedeutet das Zulassen einer intensiven Nähe, bedeutet, dass wir gern und aus freien Stücken geben, ohne Bedingungen. Weil es uns die Sache oder Person wert ist. Wenn wir lieben, ist uns das Objekt der Liebe so wichtig, dass wir mehr tun als den Pflichtanteil. Wir wollen, dass es dem Objekt der Liebe gut geht, dass es sich wohlfühlt.

Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für das, was wir tun und erschaffen. Wir beschäftigen uns den ganzen Tag mit Dingen, die wir selbst tun, die aus unseren Händen, unserem Geist, unseren Ideen entstehen. Und diese Dinge brauchen Liebe.
Wir sollten unsere Arbeit lieben! Immerhin verbringen wir den ganzen Tag mit ihr. Und wenn wir unsere Arbeit lieben, wenn wir lieben, was wir tun – dann lieben wir auch uns.

Die Liebe zu uns selbst ist essentiell. Wir verbringen unser ganzes Leben mit uns selbst. Es wäre absurd, wenn wir uns dann nicht lieben. Wir sind der Mensch, mit dem wir am meisten zu tun haben, der immer da ist, der uns am nahesten steht, der uns am besten kennt. Dieser Mensch hat die meiste Liebe verdient, denn er tut alles für uns.
Wir werden leider oft dazu erzogen, uns selbst nicht zu lieben. Leiden wird als hohes Gut angesehen, Bescheidenheit und Demut sollen unser Leben führen. Liebe zu uns selbst ist mit dem Wort „Selbstverliebtheit“ schon negativ konnotiert.
Aber warum sollen wir uns denn nicht selbst lieben? Weil wir dann nicht tun, was andere von uns wollen. Weil wir dann von der Zuneigung anderer abhängig sind. Und das ist für andere unglaublich praktisch, haben sie doch auf diese Weise jemanden, der sich nach ihren Wünschen richtet. Sie werden gebraucht. Und ich denke, das geschieht größtenteils unbewusst. Weil auch sie es nicht anders kennen.

Selbstliebe zu erlangen, wenn sie nicht anerzogen wurde, ist schwer. Aber es ist schaffbar. Am Anfang steht – wie auch am Beginn einer Liebesbeziehung – die Entscheidung zur Liebe.
An der Umsetzung arbeiten wir Menschen dann gemeinsam. Tschacka!

“Der Zauber steckt immer im Detail.” Theodor Fontane

Als Unternehmer und Selbständige brauchen wir oft langfristiges Denken. Wir planen im Großen und stellen neue Konzepte und Ideen auf, die dann getestet und für gut oder weniger gut befunden werden. Wir arbeiten Produkte aus oder trennen uns von nicht-funktionierenden Projekten.

Wenn wir dann mit der Lupe an unsere Arbeit gehen, entdecken wir lauter Details im großen Ganzen.
Doch was ist zuerst da? Die große Idee oder das Detail? Oder führt das eine zum anderen?
Ich bin generell ein Mensch mit Liebe für Details, und neue Werke und Projekte entstehen in der Regel zuerst aus solch einem Detail. Dieses Detail ist die Basis für die große Idee. Für mein Solo-Theater entsteht eine neue Inszenierung beispielsweise oft aus einer Idee für ein Kostüm, das ich gern tragen würde. Ausgehend von diesem Kostüm überlege ich dann, was für ein Stück oder Thema überhaupt zu diesem Kostüm passen würde.

Das ist eine eher ungewöhnliche Herangehensweise, die jedoch oft zu innovativen Ideen führt. Auch mein Gruppendrang-Kurs entstand aus einer Detail-Idee – nämlich dem Wunsch „Inkubator“ zu sein. Daraus strickte ich dann ein entsprechendes Kursangebot, das sich als Erfolg herausstellte.

Ich überlege außerdem, welche Details meine Arbeit für meine Kunden besonders machen. Welche Kleinigkeiten sind bei mir anders als bei anderen?
Ein Beispiel ist mein Spielzeit-Magazin, das praktischerweise nicht nur meinen Kunden, sondern auch mir selbst einen Überblick und Einblick in meine Arbeit gibt.

Wenn wir ins Detail schauen, haben wir viel mehr Möglichkeiten, schnell und leicht etwas zu verändern. Ihr wollt nachhaltiger arbeiten? Überlegt euch vor dem nächsten Flyerdruck genau, wie viele ihr wirklich braucht und wählt Recycling-Papier aus (das sogar billiger ist als das Standard-Papier). Ihr wollt eure Kunden zur Weihnachtszeit überraschen? Ein handgeschriebener Brief, wie es Johanna Madrasch vorschlägt, ist eine tolle Idee.
Die Liebe zum Detail kann als Routine in den Arbeitsfluss eingebaut werden. Wir können uns regelmäßige Zeitfenster nehmen, um unseren Arbeitsalltag, unseren Online-Auftritt, unsere SocialMedia-Seiten oder auch die Kundenbeziehungen mal mit der Lupe anzuschauen und kleine Details zu ändern oder neu zu etablieren.

Die Liebe zum Detail ist auch immer eine Wertschätzung des Kunden … oder in meiner Arbeit auch des Publikums.

Detailverliebtheit ist keine Perfektion. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als die Liebe und Aufmerksamkeit, die wir einer Sache zukommen lassen.

“Mit dem, was du selbst tun kannst, bemühe nie andere.” Thomas Jefferson

Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen sich für die berufliche Selbständigkeit entscheiden. Man kann genau das zu arbeiten, was man selbst möchte. Man hat die Möglichkeit, seine Arbeitszeiten freier einzuteilen und auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden. Man kann weniger oder mehr arbeiten als als Angestellter. Man arbeitet eher für sich selbst als für andere. Man kann eigene Ideen umsetzen. Aber einer der wichtigsten Gründe für mich ist: ich darf alles selbst machen!
Das was für andere eher eine Last ist, ist für mich die Lust an der Selbständigkeit. Die Möglichkeit, Dinge selbst zu tun, nicht auf andere zu warten, Entscheidungen alleine treffen und aktiv ins Handeln kommen, auf ganz praktische Weise – genau das brauche ich für meine berufliche Zufriedenheit.

Natürlich ist es oft sinnvoll, Aufgaben abzugeben. Gerade dann, wenn wir sie selbst nicht gut beherrschen, sie eine Last für uns sind und es jemand anderen gibt, der in der Bewältigung der Aufgabe bewanderter und motivierter ist.
Manchmal geben wir Aufgaben aber zu schnell ab. Aufgaben, die wir durchaus relativ mühelos selbst bewältigen können, deren Anfang uns aber schwerfällt. Den Lohn der Überwindung sollten wir jedoch nicht unterschätzen. Eine Aufgabe, vor der wir uns erst gedrückt haben, letztendlich wirklich selbst zu erledigen, macht uns nicht nur stolz, sondern auch selbstsicherer. Sie lässt uns wachsen und in unsere Fähigkeiten vertrauen.

Selbständigkeit ist nicht nur eine Form Erwerbstätigkeit, sondern auch ein Wert. Ein Wert, der mit Eigenständigkeit, Wachstum und Reife verbunden ist.
Es ist ein Wert, den wir gleichzeitig anstreben, aber auch fürchten.
Als Kind leben wir in Abhängigkeit von unseren Eltern und anderen erziehenden Personen. Diese Abhängigkeit sorgt dafür, dass wir keine komplette eigene Entscheidungsgewalt haben, schenkt uns aber den Luxus der Verantwortungslosigkeit.
Wenn jemand anderes über unser Leben bestimmt, müssen wir keine Verantwortung tragen. Wir müssen uns als Kind (in der Regel) keine Gedanken machen, wie wir uns verpflegen oder wo wir schlafen. Wir denken nicht darüber nach, mit wem wir zusammenleben und wer zu Besuch kommt.
Und das ist gut so, denn wir brauchen die Energie für unsere eigene Entwicklung, um uns als Individuum zu finden, um zu lernen. Je mehr wir uns dessen bewusst werden, was uns wichtig ist und wer wir sind, desto autarker beginnen wir zu agieren.
Optimalerweise wird uns die Freiheit, die wir dafür brauchen, nach und nach gewährt.

Die Aufgabe, ein Individuum sich als Individuum begreifen und entwickeln zu lassen, es dabei zu unterstützen und später in die absolute Freiheit zu schicken, ist – finde ich – eine der schwersten.

Über die Jahre habe ich gelernt, dass es vielen Menschen umso besser geht, je selbständiger sie sein dürfen. In meinen Kursen will ich diese Selbständigkeit fördern und den Teilnehmern somit vor Augen führen, zu was sie eigentlich fähig sind.
Lange hatte ich Angst, mich selbst als Gruppenleitung damit überflüssig zu machen. Bis ich auf die Idee kam, genau das als Herausforderung und Thema zu nehmen. So entstand ein Kurs, der das klare Ziel hat, die Teilnehmer am Schluss in die Selbständigkeit zu entlassen, sie von mir unabhängig zu machen. Manchmal funktioniert es gut, manchmal nicht. Ich mache weiterhin Fehler und so sehr ich Angst vor Fehlern habe, so wichtig sind sie auch, um weiter zu kommen, besser zu werden. Und solange ich Dinge selbst mache, solange mache ich auch selbst Fehler. Fehler, aus denen ich selbst unmittelbar lernen kann.

Selbständig bedeutet für mich, selbst zu entscheiden, was ich wann, wie, wo und mit wem mache. Und das will ich zelebrieren.

„Schenken heißt, einem anderen etwas geben, was man am liebsten selbst behalten möchte.“ Selma Lagerlöf

Ab und zu nehme ich mir eine Urlaubswoche. Ich arbeite dann trotzdem, aber mehr nach Lust und Laune. Ich versuche ein bisschen Urlaubsstimmung in den Alltag zu bringen, schlafe morgens lange aus und starte zum Beispiel mit einem schönen Buch in den Tag. Außerdem meide ich in dieser Urlaubswoche Facebook.

In der letzten Woche hatte ich eine Urlaubswoche und habe mir dieses Mal vorgenommen, ein wenig Sommerpost an Freunde zu schreiben. Ich bin zwar nicht verreist, aber über Urlaubspost freut man sich doch immer, egal woher sie kommt, nicht wahr? Also packte ich kleine Päckchen und verschickte Postkarten und Briefe.
Das war quasi mein Auftakt zum „Geschenke-Sommer“, denn viele meiner Freunde und Familie haben im Sommer Geburtstag. Weitere Post steht schon in den Startlöchern und wird in den nächsten Wochen zu den jeweiligen Geburtstagen verschickt.

Ich war schon immer eine begeisterte Schenkerin! Geben ist immer befriedigender als Nehmen, denn man hat das Gefühl, etwas zu bewirken, einen anderen Menschen glücklich(er) zu machen. Schenken hat nicht zwingend etwas mit Materiellem oder Geldwerten zu tun, sondern mit dem Wunsch, dem anderen etwas zu geben, was mir wichtig ist.
Wenn man es runterbricht, ist das in den allermeisten Fällen Lebenszeit. Sobald ich jemand anderem Zeit schenke, gebe ich etwas für mich essentiell wichtiges weg oder teile es mit der Person.
Und das Geschenk der Zeit ist unbezahlbar.

Auch in meiner Arbeit bin ich immer wieder dankbar, wie großzügig meine Kursteilnehmer Zeit und Engagement an die Gruppe verschenken. Wieviel Einsatz sie zeigen, was sie für Ideen einbringen, wie sie sich gegenseitig unterstützen. Wieviel Essen sie bei den Aufführungen heranschaffen und welche Kontakte sie spielen lassen. Und ohne diese Großzügigkeit geht es nicht, kommt keine Aufführung zustande.

Ohne Großzügigkeit funktioniert auch Liebe nicht. Liebe vermehrt sich, wenn ich sie verschwende. Je knauseriger ich im Verteilen meiner Liebe bin, desto mehr verkümmert sie.
Mit der Kreativität ist es genauso – auch sie ist ein Gut, das sich nicht verbraucht, sondern – im Gegenteil – stärker wird, je öfter ich es nutze. Wir können in so vielen Dingen großzügig sein und sind es meist doch nicht. Wir haben soviel zu geben, in freien Stücken, so viel Reservoir, das größer wird, je mehr wir davon verschenken.
Wir schöpfen dieses Reservoir aber nicht aus. Aus Angst. Aufgrund schlechter Erfahrungen, in denen unsere Großzügigkeit missbraucht wurde, in denen wir verletzt wurden. Aber fühlen wir uns besser, wenn wir das Reservoir geschlossen halten? Wenn wir nichts mehr raus- und somit auch nichts mehr reinlassen?
Wie wäre es, wenn wir TROTZ dieser negativen Erfahrungen großzügig sind? Dann gewinnen wir. Dann öffnen wir uns wieder und erleben, wie schön es sein kann, zu schenken.
Und großzügig heißt nicht unvorsichtig, sondern eben nur – großzügig.

Vielleicht macht auch ihr diesen Sommer zu einem Geschenke-Sommer? Und verschickt Urlaubspost von zu Hause?

Sarah Bansemer

„Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“ (Henry Ford)

Dieser Satz ist so simpel und bringt es genau auf den Punkt – den Fakt, dass wir uns nicht weiterentwickeln, wenn wir nichts neues wagen.
Entwicklung findet immer dann statt, wenn wir einen Schritt aus unserer Komfortzone herauswagen, wenn wir ihre Grenzen Stückchen für Stückchen ausdehnen.

In meinem Job habe ich den wunderbaren Luxus, andere Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Vielleicht auch sie ab und zu voranzutreiben.
Aber vor allen Dingen: sie zu beobachten.
Wenn ich eine Theatergruppe über mehrere Jahre begleite, bin ich immer wieder erstaunt, wie deutlich Entwicklungen zu beobachten sind. Dabei gehen die persönlichen Entwicklungen mit den schauspielerischen Hand in Hand.
Mit jeder neuen Rolle, die innerhalb weniger Monate einstudiert wird, wird die Person herausgefordert. Sie muss sich eine neue Sprechweise antrainieren oder neue Bewegungsmuster aneignen. Solch ein anderes Verhalten in den Körper zu transportieren ist eine wahnsinnig schwierige Aufgabe. Umso größer ist die Freude, wenn genau das gelingt.


Oft habe ich erlebt, dass die Entwicklung einer Figur während der Proben stagnierte. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Anforderungen, die die Rolle stellt, einfach zu hoch sind, vielleicht unschaffbar. Doch plötzlich, bei der Premiere, mit der Energie, die die Bühne und das Publikum einem geben, wurde diese Rolle lebendig. Ich wurde umgehauen mit einer neuen Spielweise, die Monate lang versteckt war.
Vielleicht aus Unsicherheit. Vielleicht aus Scham. Vielleicht aus Abneigung gegen die Rolle. Vielleicht, weil die Bühnensituation gefehlt hat. Die Gründe sind so vielfältig und individuell wie die Spieler.

Aber mit jeder neuen Rolle entwickelten sich die einzelnen Menschen auch auf persönlicher Ebene weiter. Mit jedem Notfall, mit jeder Herausforderung, mit jeder Katastrophe und mit jedem Freudenjubel über das gemeinsam erreichte Finale gewinnt jeder einzelne ein Stück mehr Freiheit.
Die Freiheit, eigene Facetten zu leben. So wie ein Baum im Laufe seines Lebens wächst, Äste ausbildet, aus denen wiederum kleinere Äste und daraus kleine Zweige entstehen, an denen Blätter, Blüten und Früchte wachsen, so entwickeln auch wir uns erst in die Höhe und dann – im Optimalfall – immer weiter in die Breite. Wir lernen und probieren Neues aus, wir werden in manchen Bereichen stärker und gefestigter und entwickeln auf dieser Basis neue Interessen, um in andere Höhen vorzustoßen.

Oft ist einem diese Entwicklung gar nicht gewahr. Wir können einfach öfter mal innehalten und zurückblicken. Einen gedanklichen Zeitsprung in die Vergangenheit machen und unser altes Selbst betrachten. Dann merken wir plötzlich: wow, so weit bin ich schon gekommen!

Mit jeder Herausforderung, die wir annehmen, mit allem Neuem, dem wir uns stellen, setzen wir die Weichen für die eigene Entwicklung. Lasst uns wachsen und Neues probieren!

Sarah Bansemer

Life isn’t about finding yourself. Life is about creating yourself. (George Bernard Shaw)

Ein Satz, den ich nicht nur in meiner Theaterarbeit häufig höre, ist „Das bin nicht ich.“
Dieser Satz fällt gern dann, wenn jemand z.B. eine Theaterrolle spielen soll, die anders ist, als die Person selbst. Oder ein Kostüm tragen soll, was sie sich selbst nie aussuchen würde. Oder wenn man über neue Jobmöglichkeiten nachdenkt und jemand sich eine Idee nicht für sich vorstellen kann.
Ehrlich gesagt, rolle ich bei diesem Satz innerlich manchmal mit den Augen.
Für mich fühlt sich dieser Satz oft nach Einschränkung an. Nach einem limitierten Blick auf sich selbst. Denn er beinhaltet gar nicht das, was man selbst noch alles sein könnte, aber momentan eben noch nicht ist.

Jeder Mensch hat bestimmte Vorlieben und Abneigungen, die seine Persönlichkeit definieren. Die meisten haben einen bestimmten Stil, trauen sich manches und anderes nicht, haben ihre eigenen Werte und leben danach.

All diese Interessen und Eigenschaften sind im Laufe des Lebens jedoch erst entstanden. Sie sind durch Ausprobieren und Resümieren gewachsen, durch Offenheit und Lust auf Neues.
Das heißt, dass wir uns ständig weiterentwickeln, dass wir wachsen. Und das muss auch im Erwachsenenalter nicht vorbei sein.
Ich glaube nicht, dass wir irgendwann fertig sind, dass wir uns „gefunden“ haben. Viel eher tragen wir das Potential in uns, immer wieder auch neue Seiten an uns zu entdecken, die wir vorher noch nicht kannten. Seiten, die vielleicht durch Ängste abgeschirmt waren und darauf warten, zum Vorschein zu kommen.

Genau deshalb liebe ich das obige Zitat von George Bernard Shaw. Wir sind etwas, was wir unser ganzes Leben selbst kreieren. Durch unsere Entscheidungen, unsere Wünsche und Ideen. Wir können die Person, die wir gern sein möchten, mit Geduld und Spucke zusammenbauen. Und immer noch die Option haben, neue Facetten hinzuzufügen. Wir sind unser eigenes Werk, das wir aktiv selbst in die Hand nehmen.
Am schönsten ist es, wenn wir uns unserer Veränderungen bewusst sind und sie zelebrieren.
Zum Abschluss deshalb noch ein weiteres Zitat als Sahnehäubchen oben drauf, aus meiner Lieblingsserie „Doctor Who“:

„We all change, when you think about it. We’re all different people all through our lives. And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving, so long as you remember all the people that you used to be.“

Sarah Bansemer

Nicht, was ich habe, sondern was ich schaffe, ist mein Reich. (Thomas Carlyle)

Foto: Sarah Bansemer

Schon immer war ich ein „Erschaffer“, ein Mensch, der gern etwas produziert. Ich liebe den Akt des Schaffens und war von dem Zitat von Thomas Carlyle sofort begeistert:

„Nicht, was ich habe, sondern was ich schaffe, ist mein Reich.“

Also ist es nicht verwunderlich, dass es dieser Satz auch auf meine Flyer geschafft hat, denn er fasst den Inhalt meiner Arbeit perfekt zusammen.
In meiner Theaterarbeit bringe ich Menschen zusammen, die gemeinsam etwas erschaffen: eine Szene, ein lebendes Bild, eine Choreografie, einen Satz, einen Text oder ein ganzes Theaterstück. Jede*r einzelne ist ein Puzzleteil des großen Ganzen und jede*r einzelne ist gleichzeitig Teil eines Erschaffer-Teams und bringt seine eigenen Ideen, Gedanken und Wünsche ein. Jeder nutzt seine Schaffenskraft, um sich gemeinsam mit den anderen in Form des Theaterspiels ein eigenes Reich zu schaffen.

Und genau das, was wir selbst erschaffen haben, ist das, was uns am glücklichsten macht.
Der kreative Schaffensprozess ist ein wunderbares, unvergleichliches und für uns wahnsinnig wichtiges Gefühl – egal ob wir eine Theaterrolle spielen, einen Artikel schreiben, wissenschaftlich arbeiten, Pflanzen züchten, bauen oder kochen.
Was auch immer es ist – es ist aus uns entsprungen.
Meine Kreativität – das bin ich.

Leider fehlen uns im Alltag oft die Voraussetzungen für schöpferische Kreativität: viel Zeit und ein freier Kopf. Wir haben meist unendliche To-Do-Listen, sind viel unterwegs und abends reicht es dann nur noch für die Lieblingsserie auf dem Sofa. Und das ist auch okay, wir müssen auch einfach abhängen, entspannen und einfach mal nichts machen.
Aber wir brauchen auch das Erschaffen. Wenn es nicht Teil unserer Arbeit ist, kann es Teil unserer Freizeit werden. Wenn es zu Hause nicht so einfach ist, genügend Zeit und Raum für’s kreative Schaffen zu etablieren, können Kurse weiterhelfen. Bei einem Töpferkurs gibt es nur die Drehscheibe und uns, beim Kochkurs tauchen wir intensiv in die Welt der Lebensmittel und deren Zubereitung ein, im Zeichenkurs wartet ein leeres Blattpapier auf unsere Striche und beim Theaterspiel haben wir ohne Ablenkung stundenlang Zeit uns nur mit unserem Körper und unseren Mitspielern zu beschäftigen.

Das eigene Schaffen braucht Raum – und wir sollten immer ein Eckchen Platz dafür haben in unserem Leben.

Sarah Bansemer